Erlebnis Kloster – Klosterkultur und Museum

 

Tagungsbericht der Fachtage Klosterkultur 2021

8–11. September 2021, KlosterKloster Dalheim

Bericht von: Dr. Helga Fabritius, Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, Albert Holenstein, Stiftsbibliothek St. Gallen

 

Die zum zweiten Mal durchgeführten Fachtage Klosterkultur widmeten sich dem Thema „Erlebnis Kloster – Klosterkultur und Museum“. 17 Referentinnen und Referenten tauschten sich im Kloster Dalheim mit den Tagungsteilnehmerinnen und Teilnehmern über aktuelle Erfahrungen der Vermittlung von Klosterkultur aus. Der Klosterort Dalheim, ehemaliges Augustiner-Chorherrenstift und heute LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, bot die richtige Umgebung für das Tagungsthema.

Foto: LWL/K. Kruck

Den Eröffnungsvortrag bestritt Prof. Dr. Dr. HOLGER ZABOROWSKI von der Universität Erfurt, der sich in fünf Thesen mit dem Thema „Klosterkultur heute. Herausforderungen, Probleme und Chancen“ beschäftigte. Mit Blick auf die gegenwärtige Krise der Klosterkultur, ausgelöst durch zahlreiche Herausforderungen des kirchlichen und gesellschaftlichen Wandels, erinnerte der Referent an die Kontinuität der Krise von Klosterkultur – hinsichtlich der immer wiederkehrenden Reformnotwendigkeiten und Reformbestrebungen in der Geschichte der Klöster. Nach Zaborowski sei heute eine große Attraktivität von Klosterkultur in der Öffentlichkeit bzw. in den Medien zu beobachten, wobei nicht von einer Klosterkultur, sondern vielmehr von „Klosterkulturen“ zu sprechen sei. Der Referent betrachtete das Wesen von Klosterkultur und verglich Klosterleben mit dem Konzept „Leben als ob nicht“: ein Leben in unserer Welt, aber gleichzeitig stets in „hoffnungsvoller Erwartung auf Gottes Zukunft“. Die Besonderheit der klösterlichen Lebensauffassung liege daher jenseits des heute in allen Lebensbereichen anzutreffenden Funktionalismus.

Die erste Tagungssektion „Entwicklungsaspekte klösterlicher Sammelpraxis“ betrachtete die Entstehung klösterlicher Sammlungen aus historischer Perspektive. Dr. GEORG SCHROTT ging in seinen Ausführungen ins 17. und 18. Jahrhundert zurück, sozusagen in die Vorzeit des Klostermuseums. Er betrachtete Männerklöster und deren Sammlungen, zunächst von Büchern und Kirchenschätzen, aber auch von Kunst, Naturalien, Scientifica, Grafiken und Münzen – eine gezielte und durchaus mit dem Wunsch nach Repräsentation verbundene Sammeltätigkeit. Die nachfolgende Referentin, Sr. THADDAEA SELNACK OCist, stellte Sammlungstradition und Sammlung der Zisterzienserinnenabtei St. Marienstern vor, die heute sakrale Kunst aus sieben Jahrhunderten umfasst. Grundlage dieser Sammlung sind zahlreiche Stiftungen, etwa von liturgischem Gerät, Reliquien und Büchern. 1999 wurde für die reichhaltige Sammlung ein eigenes Museum, die sogenannte Schatzkammer, eingerichtet. Mag. KARIN MAYER von der Österreichischen Ordenskonferenz in Wien fragte in ihrem Vortrag nach den Voraussetzungen und Intentionen der Sammelpraxis von österreichischen Frauenklöstern. Mitunter gelangten ganz besondere Objekte in die Sammlungen, wie etwa der Nachlass der Erzherzogin Maria Anna, Tochter der Kaiserin Maria Theresia, bei den Elisabethinen in Klagenfurt. Die Wiederentdeckung dieses einzigartigen Nachlasses im Jahre 2010 führte zur Einrichtung eines Schaudepots. Im abschließenden Vortrag der Sektion nahm Dr. HOLGER KEMPKENS, Leiter des Diözesanmuseums Paderborn, die Präsentation von Klosterkultur in kirchlichen Museen in den Blick. Neben einigen Beispielen klostereigener Museen ging der Referent besonders auf die Diözesanmuseen ein, die in der Dauerausstellung eher selten das Thema Klosterkultur explizit ausweisen. Dagegen wird das Thema in großen Sonderausstellungen regelmäßig aufgegriffen.

Foto: LWL/K. Kruck

Die zweite Sektion „Kommunikationsebenen für Klosterkultur aus heutiger Sicht“, die sich nun stärker aktuellen Vermittlungsaspekten von Klostermuseen widmete, leitete der St. Galler Stiftsbibliothekar Dr. CORNEL DORA ein. Er diskutierte anhand neuer Ausstellungsangebote von Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv im Stiftsbezirk St. Gallen die Vermittlung von klösterlichen und religiös geprägten Inhalten in einer Zeit fortschreitender Säkularisierung. Kurator Dr. HANNS-PAUL TIES stellte die inhaltliche Neukonzeption des Museums von Kloster Neustift in Südtirol vor, die aktuell im Gange ist. Zeugnisse von Klosterkultur, wie z.B. die Schultradition oder die Wirtschaftsgeschichte des Stifts, werden vermehrt thematisch einfließen und mit modernen Mitteln präsentiert werden. WOLFGANG BRANDIS, Archivar im niedersächsischen Kloster Wienhausen, berichtete vom Vermittlungsauftrag und der Vermittlungstätigkeit der sechs evangelischen Lüneburger Frauenklöster. Im Rahmen von Klosterführungen können die Gäste der Lüneburger Frauenklöster immer auch die klostereigenen Ausstellungen besichtigen, worin Kulturgüter der ursprünglich katholischen, seit der Reformation evangelischen Frauenstifte ausgestellt sind. Den Abschluss der Sektion bildete der Vortrag von P. LUDWIG WENZL OSB und Mag. BERNADETTE KALTEIS über die Vermittlungsaktivität im Benediktinerstift Melk. Der Vortrag folgte der Frage, wie ein aktives Kloster seine Gäste glücklich machen kann. Die Referenten stellten ein Erlebniskonzept eines Klosterbesuchs vor, das provokant dem Spannungsbogen von Walt Disney-Filmen nachempfunden wurde: vom Eintritt in den barocken Hof und der Besichtigung der Kaisergemächer, über die Besichtigung der Stiftsbibliothek bis zum eigentlichen Höhepunkt, der Stiftskirche, und abschließend einem Fadeout im Shop bzw. im Stiftsgarten.

Die dritte Tagungssektion betrachtete „Erlebnisorientierte Ansätzen zur Vermittlung von Klosterkultur“. ANDREA KNOPIK M.A. und P. MAXIMILIAN GRUND OSB stellten eine Kooperation vor, die Schule machen könnte. Sie führt jährlich für eine Woche Münsterschwarzacher Mönche nach Memleben. Der ehemalige Klosterort wird so für kurze Zeit wieder mit benediktinischem Leben erfüllt. Das folgende Referat von Fr. TOBIAS HEIM OSB (vorgetragen von Dr. Holger Kempkens) berichtete von der Neukonzeption des Klostermuseums Ottobeuren. Das Projek ist derzeit in der Umsetzungsphase. Es soll zu einer erlebnisorientierten Präsentation des Museums führen, wo Besucherinnen und Besuchern neue Einblicke ins Kloster Ottobeuren ermöglicht werden sollen. Anschließend präsentierte Dr. HELGA FABRITIUS Facetten der Dauerausstellung des LWL-Landesmuseums für Klosterkultur. Im Kloster Dalheim treten Ausstellungsinhalte und der historische Ort stets in einen spannungsvollen Dialog. Von diesem Dialog konnten sich die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer in der folgenden freien Besichtigung des Museums vor Ort ein Bild machen.

Foto: LWL/K. Kruck

Vierte und letzte Sektion bildete das Thema „Klosterkultur und Kulturtourismus“, das die Vermittlung von Klosterkultur aus einer touristischen Perspektive betrachtete. Eröffnet wurde die Sektion durch ein Referat von ELKE LARCHER, Leiterin des Museums im Kloster St. Johann in Müstair/CH. Das Kloster zählt aufgrund der romanischen Fresken in der Klosterkirche zu den UNESCO-Welterbestätten. Die Referentin stellte Beispiele ihrer Museumsarbeit vor, wie das Museum zwischen den Bedürfnissen eines aktiven Benediktinerinnenkonvents und den Anforderungen durch zahlreiche Touristen vermitteln kann. Einander zuzuhören gemäß der Benediktregel sei dabei der wichtigste Faktor, so das Fazit der Referentin. Dr. NORBERT KEBEKUS (Erzdiözese Freiburg) präsentierte die Entwicklung einer touristischen Leitmarke für die Bodenseeregion. Aufgrund der engen Verbindung von Landschaft und Kultur, gerade auch mit kirchlicher bzw. klösterlicher Prägung, scheint die Region eine solche Leitmarke im Projekt „Kirche – Klöster – Weltkultur“ gefunden zu haben. Abschließend erläuterte Dr. PETER PFISTER im Namen von Äbtissin Laetitia Fech OCist die Überlegungen zur Sanierung und Neuausrichtung von Garten und Bibliothek des Zisterzienserinnenklosters Waldsassen. Ziel soll nicht nur die Vorführung der barocken Raumschale, sondern auch die Präsentation lebendigen Klosterlebens sein.

Foto: Kirchengemeinde Corvey

Abschluss der Tagung bildete eine Exkursion zum UNESCO-Weltkulturerbe Kloster Corvey. ANNIKA PRÖBE und Dr. HOLGER KEMPKENS führten durch Westwerk und Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters. Sie stellten die geplanten bzw. in Durchführung begriffenen Maßnahmen zu Erhalt und Vermittlung des Welterbes vor.

Die zweiten Fachtage Klosterkultur zeigten ein breites Spektrum an aktuellen Ansätzen zur Vermittlung von Klosterkultur auf, vorgestellt durch Referentinnen und Referenten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Die verschiedenen Fallbeispiele führten zu angeregten Diskussionen unter den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern. Sie spiegelten ein großes Interesse an Klosterkultur bzw. an deren Vermittlung – am Erlebnis Kloster.

⇑ Zum Seitenanfang